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Bemz in der Presse

Die neuen Möbel machen richtig gute Laune

Selten kam Möbeldesign so entspannt daher wie dieses Jahr: Auf dem Mailänder „Salone del Mobile“ überbieten sich die Marken mit Entwürfen voller Leichtigkeit. Das kann die Welt derzeit gut brauchen.

„Das wird ein gutes Jahr“, glaubt Jean-Marie Massaud zu wissen. Der Produkt-Designer schaut gerade bei dem Leuchten-Hersteller Nemo vorbei, draußen strahlt die Sonne vom Himmel, als hätte sich der Kalender schon für Sommer entschieden. Es ist der 56. „Salone del Mobile“ in Mailand, die Stadt ist noch voller als sowieso, rund 300.000 Besucher lockt die Möbelmesse jährlich an. „Bei schönem Wetter wird mehr verkauft, alle haben bessere Laune, die Geschäftsleute und die Journalisten“, weiß Massaud.

Das mit der Laune stimmt, Mailand lächelt. Und das Design scheint zurückzulächeln. Hier bei Nemo ist es eine kleine Leuchte von Martino Gamper mit goldenem Lampenschirmchen, die einem Vivarium entsprungen zu sein scheint. In dem Viertel Brera, der Hochburg des „Fuorisalone“ – das sind rund 1300 Ausstellungen außerhalb des Messegeländes –, präsentiert das Geschäft Spazio Pontaccio neuerdings auch seine eigenen Kollektionen: „Mini Miss Marble“, beispielsweise, kleine Marmorbehältnisse in Form von Einmachgläsern.

In einem anderen Stadtviertel, der Zona Tortona, hat der „Rat für Formgebung“ gerade die Gewinner des Wettbewerbes „ein & zwanzig“ gekürt, 574 Nachwuchs-Designer aus 36 Ländern hatten sich beworben.

In einer fantastischen Installation des Hamburger Studios Besau & Marguerreführten unter anderem die Studenten Julian Wallis und Hauke Unterberg (Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe) ihre Leuchte „Lot“ vor, die in einem scheinbaren Balance-Akt an der Wand lehnt und frontal betrachtet kaum mehr als ein Strich in der Landschaft ist.

Kollege Christoph Hauf entwarf einen Spiegel, der einem lächelnden Gesicht gleicht. „Wir wollen Trends entdecken“, stellt Andrej Kupetz, Hauptgeschäftsführer des Rates fest. „Es gibt Gemeinsamkeiten, das Design wird leichter, Hemmnisse fallen weg, ebenso Dogmen im Design“, erklärt er.

Ganz in der Nähe zeigt Sebastian Herkner, deutscher Designer der Stunde, die Erweiterung seiner Kollektion „Caribe“, in Kolumbien gefertigt, und berstend vor karibisch-fröhlichem Charisma. Ein Doppelsessel wie eine Schlange beispielsweise, perfekt für ein Tête à Tête. „Die Möbel werden zum Kompagnon“, beobachtet Herkner. Das gilt auch für die kleinen Kommoden oder Container, die Kartell nun in zig Farben produziert und in deren Front Designer Fabio Novembre anlässlich des 50. Geburtstages einen „Smiley“ hat lasern lassen.

Das Spielerische hat Einzug in das zeitgenössische Möbeldesign gefunden, allenthalben laden Marken auf ihre Spielwiese ein. Das aufsehenerregendste Beispiel während dieser Designwoche: Die Kooperation der britischen Design-Ikone Tom Dixon mit dem schwedischen Möbelhaus Ikea. „Wir wollen gehackt werden“, hatte Markus Engman, der Design-Manager Ikeas, auf einer Pressekonferenz in dem Kinosaal des „Teatro Manzini“ verraten.

Heißt: Das neue Möbelstück, das man gemeinsam mit Dixon entwickelte, ist mit dem Wort Sofa nur unzureichend beschrieben: „Delaktig“ ist eine Plattform, ein haltbarer Rahmen aus Aluminium, der als Daybed, Bett, Sofa in verschiedensten Konstellationen funktioniert.

Es soll „die persönliche Kreativität erwecken“, erklärt Dixon später im Foyer, auf der von ihm designten „Haute Couture“-Version des Stücks sitzend, ein haariges Ungestüm in pechschwarz. Hergestellt ist der Bezug nicht etwa von Ikea, sondern von dem schwedischen Label Bemz, die für zig Ikea-Modelle Hussen fertigen. „Ich wollte das rational Schwedische in crazy Englisches transformieren“, sagt Dixon grinsend über das Puschelsofa streichend, um dann ernst zu werden: Es gehe um die Zukunft der „Riesen“ auf dem Möbelmarkt.

„Apple ist ein gutes Beispiel, das unzählige Unterfirmen im Portfolio hat, die nichts mit ihrem Kerngeschäft zu tun haben. Ebenso Ebay, das viele nutzten, um ihren eigenen Shop aufzubauen. Oder Paypal, das genutzt wird, um Geschäftsmodelle zu schaffen. Kann das auch mit Möbeln funktionieren? Das ist die Frage, die Antwort kenne ich noch nicht“, sagt Dixon. Lange, bevor er seinen Namen zu einer internationalen Marke ausgebaut hatte, war er Kreativ-Direktor bei Habitat. Jetzt befindet er über die Kooperation: „Wir können in der Sandkiste des jeweils anderen spielen.“

Ikea sei immer unruhestiftend gewesen, fährt der Brite fort. Er gibt zu, kürzlich für das Apartment seiner Tochter bei Ikea geshoppt zu haben. „Und sie sind bis heute die Einzigen, die wirklich erfolgreich eines neues Modell kommerzialisiert haben. Niemand sonst bringt den Kunden dazu, seine Möbel selbst aufzubauen, das ist seit 40 Jahren revolutionär.“ Nur in der Mode, sagt Dixon, seien die Firmen interessiert daran, Günstiges und Luxuriöses zu vermischen. Aber in der Möbelbranche „gibt es so viel Snobismus.“

Er habe immer „uptown girl mit downtown boy verquickt. In meiner Evolution bin ich von rostigem Metall über High-Street-Habitat zu italienischen Brands bis hin zu Plastik gelangt. Ich bin nicht statisch, habe mich stets für mehr als einen Stil interessiert, war immer sehr eklektisch.“ Dabei gibt er zu: „Ich kann das Teure, das andere nicht. Das macht jetzt Ikea – den schwierigen Teil.“

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Auch die Verpackungen seiner Seifen und Duschgele sind Designobjekte:

In der Passage neben dem Kino, in dem die Ikea-Dixon Modelle gezeigt wurden, hat der Brite seine eigenen neuen Entwürfe ausgestellt, kreiselförmige Leuchten, Sessel mit hohen Lehnen, aber auch neue Seifen präsentierte er dort. Die Kooperation mit der Möbelhauskette hat ihm sichtlich Vergnügen bereitet. „Ich habe gelernt, dass ich es vermisse, mit einem großen Unternehmen zu arbeiten. Wenn man seine eigene Firma hat, ist man ein wenig eingeschränkt, was den Umfang der Distribution angeht.“ Und: „Ich wollte mich eigentlich richtig mit dem Konzern anlegen. Aber das ging nicht. Sie haben alle Vorschläge, die wir gemeinsam mit Studenten aus London, Tokio und New York entwickelt haben, durchgewunken.“ 70 weitere Ideen warten jetzt auf ihre Entwicklung.

Sein „Delaktig“ könne zukünftig auch als Gefängnisbett taugen. Oder als Schlafstätte in einem Luxushotel – mit einem von ihm entworfenen Kopfteil. „Aber das ist mein Plan, das dürfen Sie nicht verraten…“ Ab Februar 2018, so das Versprechen, dürfen Kunden mit „Delaktig“ spielen.

Leichtigkeit und leicht Verspieltes wagen in diesem Jahr auch die großen Anbieter in den Hallen des Messegeländes Rho Fiera. Ein Zwinkern über etwaige Unordnung ist die Kommode des Designers Ron Gilad, der für Molteni & C einzelne Schubladen versetzt aufeinander gestapelt hat – und dennoch ein elegantes Möbelstück schuf.

en (Neocraft), Esstische mit Gestellen, deren Form Grashüpfer-Beinen entlehnt ist (Knoll International), Sofas, die aus langen Süßigkeiten-Stangen zusammengeklebt scheinen (Moroso) – „warum soll Luxusimmer seriös sein?“, fragt Designer Matteo Cibic, der für „Scarlet Splendour“ Schränke entwarf, die indischen Tempeln huldigen und doch auch ein wenig wie Sahnetörtchen aussehen.

Auf die Spitze getrieben hat jedoch der Brite Lee Broom die Idee des Möbels als Entertainer für zu Hause, als etwas, das Freude bereitet und überrascht. In Ventura Centrale, den ehemaligen Lagerhallen des Mailänder Hauptbahnhofes und der neuen Location der Organisation Ventura Lambrate, hat Broom Jahrmarktflair mit Noblesse verknüpft. Hinter schwarzen Vorhängen erwartet dort den Eintretenden ein schneeweißes Karussell in Kirmesgröße, jedoch statt Pferdchen mit Leuchten, Spiegeln, Sesseln und Sofas des Designers bestückt. Das Design-Karussell dreht sich also buchstäblich.

Und wer nach der Messe die Fußgängerzone am Dom besucht, wundert sich auch nicht mehr über die bunten Eisbären in den Schaufenstern des Luxuskaufhauses La Rinascente, die Pirouetten drehen. Die Installationen der Mailänder Künstlerin Paola Pivi hat dort Zeitgeist exponiert. Die ganz klare Message: In Mailand tanzt der Bär.

Von Esther Strerath | Veröffentlicht am 09.04.2017. Lesen Sie den Artikel hier.